Influencer

Meine Mutter wollte ich mit der Ankündigung beruhigen, dass ich 2019 Influencer werde, wenn’s mit der Schriftstellerei nicht so läuft. Hab gehofft, sie hält Influencer für sowas wie IT-Administrator oder sogar Ingenieur.

„Influenza? Soll ich Dir einen Kräutertee mit Zitrone machen?“

„Influencer, Mama, das sind…“

„Ich weiß, was Influencer sind, mein Junge, ich hatte schon Internetz, da warst Du noch nich mal inner Röhre. Und Influencer sind mittlerweile auch wieder so was vong 2015. Mach gefälligst Deine Mutter stolz und erfinde einen Soziolekt! Damit werden heute nämlich die Bitcoins gemaked.“

Sie unterstrich ihre Worte mit einem Dab, der für eine 89-jährige recht passabel ausfiel.

Mein Ich aus der Zukunft

Das Ende der Welt wartet im Baumarkt von übermorgen

BMFfM2017

Gestern hatte ich überraschend Besuch von meinem Ich aus der Zukunft. Es sagte, es wäre grad zufällig in der Gegend und müsste aufs Klo, aber hier kennt es leider niemanden außer mir.

Ich war sehr aufgeregt. Mir fielen direkt einige 100 Fragen an mein zukünftiges Ich ein, aber es antwortete nur, es müsse wirklich ziemlich dringend.

Als es – ich – wieder vom WC zurückkehrte, hatte sich die Zahl meiner Fragen bereits auf 42 reduziert; die anderen waren doppelt gewesen.

Zuerst fragte ich ihn – mich -, ob es nicht zu einer Instabilität im Raum-Zeit-Gefüge führen müsse, wenn man sein eigenes Ich trifft. Aber er meinte, das könne nur bei den taiwanesischen Billig-Zeitmaschinen aus dem Baumarkt passieren. Aus diesem Grunde seien die USA auch nicht eingeschritten, als China …
Er brach mitten im Satz ab, offenbar durfte ich das noch nicht wissen.

Bevor ich noch eine weitere Frage stellen konnte, eröffnete er mir, dass ich eines langsamen und schmerzhaften Todes sterben würde. Danach hatte ich jetzt garnicht fragen wollen, aber vor allem: Woher konnte mein Ich aus der Zukunft das wissen?

Dennoch verdrängte diese Aussicht meine Lust auf die weiteren 41 Fragen. Und so tranken wir wortlos meine beiden letzten Biere auf. Immerhin versprach er zum Abschied, mir eine Freundschaftsanfrage über Facebook zu schicken. Ich hörte ein Geräusch aus dem Arbeitszimmer, sah kurz zu meinem Computer herüber und wollte mich bei ihm bedanken, aber er war weg. Nur ein leichtes Schimmern war noch sichtbar und ich meinte, ein PRAKTIKER-Logo in der Luft zu erblicken.

Als er, also ich, weg war, bin ich direkt zum Computer und hab mich bei Facebook eingeloggt. Ich weiß, dass das Unsinn war, aber mir ist in letzter Zeit viel schräges Zeug passiert. Weil keine Freundschafts­anfrage aus der Zukunft vorlag, ging ich zum Kühlschrank auf der Suche nach irgendwas Alkoholischem. Ein Bier lag noch drin.

Wo ich schon mal eingeloggt war, habe ich diesen Eintrag begonnen. Vielleicht ist mein Ich aus der Zukunft ja ein Held, der in die Vergangenheit (also: ins Jetzt) gereist ist, um das Weltenende durch taiwanesische Billigzeitmaschinen zu verhindern – und mir kommt die ehrenvolle Aufgabe zu, diese Warnung zu verbreiten?

Als ich das Bier aufhatte, sah ich kurz aus dem Fenster. Für einen Moment schien es mir, als hätte ich eine zweite Sonne am Himmel gesehen.

Das mit dem Bier gab mir zu denken.

Warum mein Kumpel Benedikt und ich die erste Klasse wiederholten

Mülheim / Ruhr, ca. 1970

Im  Kindergarten war uns das Kunststück, ein Jahr in die Verlängerung zu gehen, leider nicht gelungen, weil in unserem Waldorfkindergarten keine Klausuren zum Jahrgangsabschluss geschrieben wurden. Daher schaffte faktisch jeder die Versetzung.

In der Grundschule hingegen gab es Fächer wie Erdkunde und Rechnen, so dass wir uns den Stoff der ersten Klasse ein Jahr später noch mal ganz in Ruhe anschauen konnten.

Nie wieder genossen wir solch einen Wissensvorsprung. Ja, wir waren coole Säue, die schon 1 Meter Skateboard fahren konnten.

Wir waren klein, aber makaber,

… weil wir Indianer waren:

– mit genug Street Credibility für den ganzen Tribe,

– immer genug Pfeile im Köcher,

– Friedenspfeifen noch und nöcher,

– Sommer Herbst, Winter – der Irokesenschnitt sitzt.

Es erwies sich allerdings als schwierig, das neue Mädchen, das auf seinem brandneuen Waveboard mit 60 Sachen über den Schulhof delfinte, für uncool zu erklären. Aber ich trug Chucks, mein Kumpel Benedikt die Hosen knapp über den Knien, und der Feminismus steckte noch in den Kinderschuhen.

Wir kondolierten also erstmal den Neuen an der Schule zu ihren Vornamen und überlegten, wer in unsere Gang durfte. Es blieb schließlich bei dem Mädchen mit dem Waveboard, denn sie war gut und wirklich verdammt schnell. Zudem teilte sie unseren Jesushintergrund und war durch ihre ältere Schwester mit unserem Konzept von Leadership vertraut.

Tatsächlich lernte ich in diesem einen Jahr dann mehr über Leadership als in den 5 Jahren davor. Und das, obwohl ich ihren femininen Approach des Reverse Leadership erst Jahre später durchschauen sollte.

Köln-Nippes, 16.8.2067: Salzstangen in Aktion

(Kleiner Smalltalk mit einem Angestellten des lokalen Supermarkts)

Salzstang

„Salzstangen-Aktionswochen? Ach wissen Sie, ich habe zu Salzstangen ein ambivalentes Verhältnis, seit ich die das letzte Mal gekauft hab, ist schon etwas länger her. Da bin ich mit den Salzstangen nach Hause, auf dem Weg zur Haustür denk ich: Mensch, Du hast den Mate-Tee vergessen, also zurück zum Fahrradständer, da seh ich da das süße Mädchen vom dritten Stock, die machte sich immer die Haare so hennarot und tat auch sonst alles, um nicht hübsch auszusehen, wenn Sie mich fragen, junger Mann, half aber nichts. Ich natürlich übelst nervös geworden und sie gefragt, ob sie eine Salzstange haben will, sie schaut mich total entgeistert an, dreht sich weg und schüttelt den Kopf, immerhin sieht sie nicht, wie ich knallrot werde und fast eine halbe Stunde gedankenverloren versuche, mein Fahrradschloss aufzukriegen. Dann kommt die Polizei und ich merke, dass ich vor dem falschen Fahrrad stehe. Die Polizei hatte da grad eben Facebook und Twitter, war ja alles Neuland, junger Mann. Und einen Medien­beauftragten hatten die jetzt, der musste einmal am Tag was Lustiges posten, die arme Socke. Und am Abend postet er: „Der dümmste Fahrraddieb der Welt“, mit schlecht gepixeltem Foto von mir und meinem selbst gebatikten T-Shirt, damals machte man sowas noch. Das haben Bento und Buzzfeed direkt so übernommen, wahrscheinlich, weil sie ja nicht mal den Titel ändern mussten. Ich also an den PC und eine lange Richtigstellung per Sharepic verbreitet, nur leider über den Instragram-Account, auf dem ich vorrangig Graffitis von meinem Lieblingssprayer teile. Also twitterte der Medienbeauftragte am nächsten Tag: „Der dümmste Graffitysprayer der Stadt“ und ich sollte mal aufs Revier kommen.

Alles sehr ärgerlich, aber als junger Mensch kann man sowas ja ab, nich´ wahr? Schlimmer war, dass auch 2 Tage nach der ganzen Schose noch niemand meine Richtigstellung geliked hatte, nicht bei Instagram, nicht bei Twitter, nicht bei Facebook. Kenn´Se noch Facebook? Ham´Se auch nichts verpasst. Ich also von meinem anonymen Twitter-Zweit-Account meinen Richtigstellungs-Post geliked, da kommt man sich schon blöd bei vor, aber so waren wir jungen Leute damals. Haben jede halbe Stunde nachgeschaut, ob nicht doch noch ein Like. Wir hatten doch alle damals mindestens 5 Accounts und ständig neue Apps für irgend einen Stuss, da konnte man schon mal durcheinanderkommen. Heute hab ich ja nur noch Snapchat, das is´ so´n bisschen wie der Alzheimer von meiner Frau. Wo war ich jetzt stehengeblieben? Und wissen Sie was: Irgendwann war dann das zweite Herz unter meinem Richtigstellungs-Post. War vom süßen Mädchen aus dem dritten Stock, könn´Se sich das vorstellen? Voll krass, höhö, sacht´man datt heut noch so? Den Rest der Woche habe ich sie natürlich auf ihrem Twitter-Account gestalked, war wie so´n Poesiealbum – kenn´Se datt noch: Poesiealben? Ham´Se nichts verpasst. War viel so Feminismus-Zeug drauf, Aufschrei, naja, das Übliche, und noch dieser Justin Bieber, immer wieder Justin Bieber. Ich habe dann jeden verdammten Post von ihr geliked, auch die Feminismus-Sachen, besonders die von Anne Wizorek, die habe ich sogar geforwarded, watt ´ne Leckere, nur nicht die Posts mit Justin Bieber, nicht einen davon hab ich geliked, komische Type, der.

Und denken Sie sich, junger Mann: Am nächsten Montag begegnen wir uns wieder beim Fahrradständer und ich frage sie todesmutig: „Willssen Eis mit mir essen gehn?“, war ja richtig warm draußen an dem Tach. Und heute sind wir fast 45 Jahre verheiratet, das da unten links ist unser jüngstes Enkelkind, ich könnte Ihnen sicherlich um die 100 Bilder vonner Familie zeigen, aber der Internetempfang hier drinnen ist so schlecht. Wissen Sie was, ich nehm 2 Tüten Salzstangen, da wird sich die Gabi aber freuen. Salzstangen hatten wir schon ganz lang nich mehr. Ihnen auch noch´n schönen Tag.“

Meine alte Schule, 1984 / 2017

 

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Heute nacht geträumt, ich wäre auf einem Klassentreffen und alle fragen mich nur, was ich beruflich mache.

„Ich schreibe jetzt Märchen.“

„Nee, oder? Grimm und so´n Zeug?“

                        „Und davon kann man leben?“

                                               „Liest denn noch wer die alten Kamellen.“

„Natürlich nicht. Aber ich erfinde das Märchen quasi neu: Ich sag nur: Märchen 4.0: Jetzt mit 4 Wünschen an die gute Fee sowie 4 Brüdern statt dreien. Oder ganz abgefahren: Road-Märchen – der Held schleicht sich von zu Hause weg, trifft komische Typen und erlebt jede Menge Abenteuer.“

„Du verarschst uns, oder?“

„Oooch, nur’n bisschen. Auf jeden Fall müssen ja jetzt alle alten Märchen gegendert werden, Beschluss der EU und der UNO. Menge Arbeit.“

„Und das machst Du?“

„Genau. Läuft super. Ich bin grad bei «Da stach er sich in den Finger».“

„Krass!“

[Mein Wecker klingelt, gottseidank]

31.5.2017: Meine Theorie zu „covfefe“

CovfefeTweet

Ich vermute, dass Donald Trump irgendwann die Umschläge mit den Atomwaffen-Codes geöffnet hat – vielleicht direkt nach der Amtsübernahme, sicherlich aber spätestens an dem Tag, an dem er seine Weitergabe vertraulicher Informationen über den IS an Russland mit einem trotzigen „Ich bin Präsident, ich darf das“ gerechtfertigt hat [Tweets vom 16.5.2017: “ As President I wanted to share with Russia (at an openly scheduled W.H. meeting) which I have the absolute right to do, facts pertaining to terrorism and airline flight safety.“].

Dann hat er sich die Codes eingeprägt – „Covfefe, Covfefe, …“ – und nutzt sie seitdem mit bübischem Spaß als versteckte Drohung gegenüber missliebigen Subjekten.

Übersetzt lautet sein Tweet daher etwa: „Schlechte Presse? Krawumm!“

Nun gut, auf die Idee mit den Atomwaffencodes sind schon ein paar Andere im Netz gekommen, während ich das hier ausformuliert habe.

Früher habe ich mich übrigens mal gefragt, was eigentlich passieren würde, wenn ein Radikalpazifist den Koffer mit den Atomwaffencodes an sich bringen und unwiederbringlich zerstören würde: Wären dann all die Atomraketen der USA für immer zum Nichtstun verdammt? (Die USA dienen hier nur als frei gegriffenes erläuterndes Beispiel, die Problematik lässt sich auch auf die Atomwaffen anderer Staaten übertragen.)

Heute bin ich mir sicher: Die lange im Voraus planenden IT-Spezialisten haben spätestens in den 70ern – also noch bevor „War Games“ in die Kinos gekommen ist – Vorsorge auch für diesen Fall getroffen:

Unter dem Eingabefeld für den Atomwaffen-Sicherungscode kann man seitdem auf einen Link in kleiner hellblauer Schrift tippen:

Passwort vergessen?

In dem dann aufpoppenden Fenster müssen zwei Sicherheitsfragen beantwortet werden, z.B.:

„Wer ermordete den ersten katholischen US-Präsidenten?“, oder

„Wie lautet der Geburtsname der Mutter von George Washington?“.

Bei richtiger Beantwortung würden dann die Nuklearwaffen freigeschaltet und das atomare Gleichgewicht wiederhergestellt.

27. Mai 2017, Klosterbergegarten / Magdeburg

Da trat ein Engel zu mir und verkündete:

„Es wurde festgestellt, dass aufgrund des unabänderlichen Schicksals Dein Tod einen Tag vor dem göttlich vorgesehenen Datum eintreten wird. Dir ist es daher nachgelassen, einen Wunsch an den Allmächtigen zu äußern.“

„Häh? Und so was kann passieren? Lass mich raten, das ist jetzt wahrscheinlich ziemlich bald, oder?

„Es ist mir nicht gegeben, Dir den Tag und die Stunde zu nennen, aber ihr Menschen solltet aufhören, des Herrn Willen in Menschen-Zeit zu messen. Oder in einfacher Sprache: Es kann auch noch sehr, sehr lange dauern.“

„Na denn, ist ja nur ein Tag. Und ich kann mir alles wünschen, was ich will? Oder mehr so Sachen, die innerhalb eines Tages passieren könnten?

„Das Letztere erscheint mir eines gottgefälligen Christenmenschen angeraten.“

„Moment, woher weiß ich überhaupt, ob Du wirklich von Gott kommst und nicht vom Teufel? Oder selbst wenn: Vielleicht ist das nur wieder so´n Test, und wenn ich mir jetzt ein Date mit Miss Februar wünsche, bin ich beim alten Mann für immer und ewig unten durch.“

„Da ich ein Engel bin und mich Dein armseliges Schicksal barmt, will ich Deine letzten Worte mal vergessen. Aber bedenke das Folgende: a) Warum „wieder“ so’n Test? b) An „alter Mann“ ist so ziemlich alles falsch. c) Es empfiehlt sich, bei dem Wunsch im Rahmen der 10 Gebote zu bleiben. Nur so als grobe Orientierung.“

(t.b.c.?)